Das Offenbare und das Verborgene und der Selbstbetrug – eine Rezension

Was haben wir, die wir Gewalt als Mittel der Konfrontation ablehnen, überhaupt mit Gewalt zu tun? Wo taucht Gewalt überall auf, wo wir sie nicht vermuten oder für überwunden halten? In welchen Gewändern verbirgt sich Gewalt? Was genau haben Arroganz, Moralismus, Fundamentalismus und Manipulation mit Gewalt zu tun? Wie und wozu werden die verschiedenen Formen von Gewalt verschleiert? Warum kann der Einsatz für ein gewaltfreies Miteinander in Gewalt umschlagen?

Der Autor entwirft in seinem Essay „Das Geheimnis der Gewalt“ ein Bild, das aus verschiedenen Perspektiven, verteilt über 28 kurze Kapitel, die Beziehung zwischen Gewalt und Geheimnis darstellt. Es geht ihm darum, ein miteinander verbundenes Netz von thematischen Aspekten zu knüpfen. Dem Leser eröffnet sich so ein Raum, in dem Sichtweisen zur Gewalt und zu ihren Auswirkungen neu entdeckt und überdacht werden können. Am Ende entsteht ein tieferes Verständnis für etwas, dem wir nicht entkommen können, aber das unsere darauf bezogenen Handlungsmöglichkeiten erweitert. Voraussetzung dafür ist, sich selbst immer wieder auf einen Weg zu machen, der über unbequeme, irritierende und zum Teil ärgerliche Stolpersteine führen kann.

„Wir spalten die Gewalt von unserem Handeln ab und stellen sie vor uns hin, als wäre sie ein Objekt und wir hätten nichts mit ihr zu tun. Wenn wir Gewalt anwenden, verschleiern wir das verzweifelt vor uns selbst und allen anderen.“ (S. 187 ff) Dieses Zitat vom Ende des Buches zeigt die mögliche Richtung an, in die eine Annäherung an das Phänomen der Gewalt zu erwarten wäre. Das erfordert anzuerkennen, dass sämtlicher Lebensbereiche mit Gewalt durchdrungen sind. Sie tritt in unterschiedlichen Zusammenhängen auf und hat nicht nur die Fähigkeit sich zu verbergen, sondern ist gezwungen dies zu tun. Denn allein durch die bloße Präsenz der Gewalt spricht der Täter seinem Opfer genau wie sich selbst das Recht zu, sie anzuwenden. Deshalb muss sich die Gewalt in wechselnden Gewändern verbergen. Sie nutzt das Gewand des Betrugs, der Moral, der Vereindeutigung, der Verschleierung, der scheinbaren Ordnung oder der Selbsterhaltung. Letztendlich gründet die Zivilisation u.a. selbst auf einem gewalttätigen Akt und trägt, weil sie nicht allen Menschen Gleichberechtigung ermöglicht, zur Fortdauer der Gewalttätigkeit bei. Der Autor beschreibt die vielfältigen Dilemmata, die menschliches Handeln bestimmen. Das Handeln schwingt hin und her zwischen Anpassung und Eigenständigkeit, zwischen Transparenz und Verheimlichung, zwischen Betrug und Selbstbetrug, zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen komplexem und fokussiertem Agieren, zwischen dem Bedürfnis Sicherheit und doch Veränderung zu leben, zwischen realen Zusammenhängen und irrationalen Deutungen, zwischen vertrauensvoller Öffnung und misstrauischer Abschottung, zwischen dem „gemütlichem Elend“ und dem Bedürfnis aufzubegehren. Immer werden die eigenen Interessen für berechtigt gehalten. Bei ihrer Durchsetzung werden dann die Interessen der Anderen hintenangestellt. Damit das nicht offensichtlich wird, ist das Geheimnisvolle die Voraussetzung für den Erfolg der vielschichtigen Formen von Gewalt.

Alle Formen menschlichen Strebens stehen in einem meist verborgenen verwandtschaftlichen Verhältnis. Das Bedürfnis nach Ordnung und Sicherheit führt zu den verschiedensten Strategien der Integration tatsächlicher und vermuteter Bedrohungen, um einen sinnstiftenden Zusammenhang herstellen zu können. Die Unterwerfung unter einen Täter oder die Übertragung auf ein symbolisches Stellvertreterobjekt oder die Erfindung eines von außen betrachtet irrationalen Erklärungsmusters helfen aus der Verzweiflung. Denn fehlender Sinn hat in bedrohlichen Situationen traumatische Auswirkungen.

Nachdem der Autor das Feld des menschlichen Miteinanders in den 28 Kapiteln durchschreitet und dabei dem Geheimnis der Gewalt auf die Spur kommt, bleibt am Ende die Erkenntnis, dass wir dem Verborgenen zunächst bei uns selbst gedanklich die Tür zu öffnen haben. Wenn die egoistische Selbstbehauptung nicht das letzte Wort haben soll, braucht es den genauen Blick, den dieses Essay ermöglicht. Daniel Pascal Zorn bietet keine leicht verdaulichen Erklärungsmuster, sondern gibt ein Beispiel dafür, wie wir uns unserer Wirklichkeit auf eine detektivische Art und Weise annähern können. Er stellt nicht in erster Linie seine Erkenntnisse in den Raum, sondern zeigt den Weg, wie sie entstanden sind. Am Ende des Buches müssen wir uns als Leser schon selber auf den Weg machen. Vielleicht gelingt es, das Universelle der Gewalt anzuerkennen und mit den verschiedenen Formen von Gewalt so in Kontakt zu treten, dass sie sich selbst offenbaren.

Eine Rezension von Klaus Koppenberg

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